Donnerstag, 4. November 2004 _ 20:45 Uhr
Ferencváros Budapest - Feyenoord Rotterdam
Puskás-Ferenc-Stadion / Budapest (H)
UEFA-Cup
...Um neun Uhr morgens erwachte man plangemäß - allerdings nicht wie angedacht durch das aufdringliche klingeln des Weckers sondern durch treibende Marschmusik die vom offenstehenden Fenster herrein kam. Im um die Ecke liegendem Präsidentenpalast war Schichtwechsel beim Wachdienst, was diese ganz nach Brauch mit imposanter Blasmusik zelibrierten. Nach einer Morgendusche und ner Tasse Kaffee gings mir dann auch schon wieder besser und so stand ich fit wie ein Turnschuh um halb elf am Ausgemachten Treffpunkt am Bratislava Bahnhof. Ich geb ja zu, dass ich mir über das Treffen mit dem am vorabend kennengelehrnten Sportsfreund aus Australien nicht so sicher war, wurde aber positiv überrascht, als dieser wenig später um die Ecke bog. Mit den Öffentlichen ging es jetzt raus auf die andere Donauseite in ein etwas nobleres Viertel Bratislavas (zumindest für die hier herrschenden Zustände), wo wir den bestellten, knallroten VW Polo abholten. Ein Mietvertrag wurde geschrieben, welcher sich später noch als enorm wichtig herrausstellen sollte. Auf Grund der Tatsache, dass Peter noch nie auserhalb von Australien Auto gefahren war und damit auch noch nie auf der rechten Straßenseite, überließ er der Einfachheit und wohl auch der Sicherheit halber mir das Steuer und so fuhren wir auf katastrophalen englisch daherplaudernd über den Highway gen Ungarn. Dort angekommen dann eine für alle beteiligten schier unvergessliche Szenerie - man stelle sich folgendes vor: Du bist Zöllner an der Slowakisch-Ungarischen Grenze und fristest dein Dasein an einem ruhigen Donnerstag Vormittag. die Woche neigt sich dem Ende zu, der Grenzübergang ist staufrei das Wetter ist gut und dann siehst du von der Ferne einen VW Polo im Zickzackkurs auf dich zukommen (was an meinem Unvermögen lag, die richtige Fahrspur zu finden - Herr Gott ich kann diese Sprache nunmal nicht!). Du sagst betonungslos Guten Tag und vorderst die Pässe und dann schaust du: Slowakisches Kennzeichen, der Fahrer ein Deutscher der Beifahrer Australianer der perfekt Slowakisch spricht - was denkst du jetzt...?? Das einer jeden Person, dessen Aufgabe es ist, einen Grenzstreifen zu überwachen eine solche Situation etwas komisch vorkommen würde ist klar und so war es schließlich den sprachkenntnissen meines Beifahrers sowie den mitgeführten Mietvertrag zu verdanken, dass wir den Tag nicht an einer Grenze verbringen mussten. WOW - man erlebt vielleicht Sachen...
Ohne Probleme erreichte man nach gut drei Stunden die ungarische Hauptstadt und fragte sich mehrmals zum Puskas-Ferenc-Stadion durch. Hier galt es dann, den laut gestrigem Telefongespräch geöffneten Ticketstand zu finden, was sich als ebenfalls nicht allzu einfach herrausstellte. Letztendlich wurde man aber fündig (nachdem man sich gar in einer Ausstellungshalle der Zahnmedizin verlaufen hatte) und war recht erstaunt über den für Ostblockverhältnisse doch gesalzenen Preis von 4500 Forint was in etwa 25 Eurotalern entspricht. Dann natürlich erst einmal eine kleine Steppvisite im knapp 70.000-Mann fassendem Puskàs-Ferenc-Stadion, welches als heutiger Austragungsort der o.g. UEFA-Cup-Partie diente, da das "Üllöi úti stadion", der eigendlichen Heimat Ferencvaros beim heutigen Besucherandrang wohl aus allen Nähten geplatzt wäre (und wahrscheinlich auch garnicht die UEFA-Auflagen für Internationale Spiele erfüllt hätte): Der Ground, welcher als offizieller Austragungsort für Länderspiele gedacht ist, beeindruckt schon von außen durch seine bombastische, massive Bauart. Im Inneren dann die für Leichtatlethikstadien typische Schüßel mit hohen aber flachen Rängen vergleichbar mit dem Münchner Olympiastadion (vor allem in den Kurven). Während die Kurven sowie die Haupttribüne, welche als einzige überdachte Sitzplätze bietet, welche allerdings rar gesäht sind, jeweils einrangig sind, erschlägt einem der anblick der rießigen, zweirangigen Längsseite fast. Wie es sich für ein Nationalstadion heut zu Tage (leider) gehört, ist das Puskás-Ferenc-Stadion ein reiner Allseater.Zu erweähnen seien noch die hoch oben drohnenden Flutlichter, wessen Masten sich auf grund ihrer Schräglage von außen in das Stadion hineinreichen. Schönes Detail auch, dass der Ground direkt in einem mit Häusern bebauten Viertel steht und nicht irgendwo außerhalb auf irgendeinem Autobahnkreuz...
Nach der Besichtigung wurden die Stunden zum Anpfiff mit echt ungarischen Gulasch essen und nach anderen Stadien suchen verbracht, wobei man bei letzterem weniger erfolgreich war und ausschließlich einen kleinen Ground von MTK Budapest (1,2) und das direkt neben dem Nationalstadion gelegene, große Eisstadion fand. Als man zwei Stunden vor Spielbeginn wieder am Stadion war, hatte die Polizei mittlerweile ganze Arbeit gelesitet. Die großen Verkehrsstraßen rund um das Stadion waren für Fahrzeuge gesprerrt und ein gut 300m langes Stück einer Hauptstraße wurde für die aus Holland erwarteten Fans hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. An jeder Ecke standen nun behelmte Polizisten mit Hunden und schauten jeden vorbeikommenden zweimal an.
Nachdem man eine runde um den Spielort gedreht hatte und die unzähligen Straßenverkäufer beäugt hatte, machten wir uns auf ins Stadion wo man nach 7(!!! - in Worten: sieben) Kontrollen jedlicher Art im Stadioninneren waren, wo bereits eine gut zwehnköpfige Gruppe Polizisten auf uns wartete. Man hatte scheinbar mitbekommen, dass wir beide der ungarischen Sprache nicht mächtig waren, uns aber auch nicht im Gästebereich befanden, also wurde man misstrauisch. Wahrscheinlich lag es nur an den schlechten Englischkenntnissen des Polizisten, welcher uns kühl mitteilte "You are arrested!". Das Blut stockte uns in den Adern, aber bald klährte sich auf, dass sie lediglich die Pässe kontrollieren und ein paar Fragen stellen wollten und so ließ man uns also doch noch ins Stadion - puuh... danke für den Schock!
Das Stadion hatte sich mittlerweile gut gefüllt, mit Ausnahme des Oberrangs der Gegengeraden, da dieser zum heutigen Spiel gesperrt war. Die restlichen, verfügbaren Ränge waren aber doch knapp ausverkauft. Aus Rotterdam waren nur etwas über einhundert Mitgereist, während die Heimkurve krachen voll war und dementsprechen laut und enthusiastisch. Von Rotterdamm kam nicht allzuviel und als die Gastgeber im Laufe des Spiels auch noch die Führung erzielten, war aus dem Gästeblock rein garnichts mehr zu vernehmen. Dafür durfte man sich an selten schöne Jubelbilder erfreuen. Das ganze Stadion (mit ausnahme der paar Holländern natürlich) sprang und jubelte und auch uns umarmten irgendwelche Menschen und freuten sich gemeinsam mit uns und all den anderen - selten erlebt, dass ein jeder - aber auch wirklich JEDER EINZELLNE - sich in einem Stadion so freuen kann. Tolles Gefühl. Im Block der Ferencváros ging es jetzt natürlich erst recht ab. Pyro kam aber während der gesamten Zeit nicht zum Einsatz, was wohl letztendlich auch an den scharfen Kontrollen lag. Wenn es ein verleichbar hohes Sicherheitsaufgebot zum damaligen Spiel gegen den VfB Stuttgart gab ist mir gänzlich unbegreiflich, wie es zu solch heftiger Ausschreitungen wie damals kommen konnte. Wollen wir aber beim heutigen Spiel bleiben! Und da schoß Feyenoord doch noch den Ausgleich, was für ein wenig Bewegung im Gästesektor führte, das soweit von mir augenscheinlich zu vernehmen war, nicht viel mehr als stinknormaler Torjubel war. Trotzallem rief dies gleich die zahlenmäßig den Holländern wohl überlegenen orangen Ordnungshüter auf den Plan, welche die Auswärtsfans gleich wieder zusammenpferchten. Trotz aller unschönen Umständen, die die Rotterdammer hinnehmen mußten, blieb es überraschend friedlich und auch als per Durchsage und Anzeigentafel die Feyenoordfans darauf hingewiesen wurden, nach Spielschluß noch dreißig Minuten im Stadion verweilen zu müssen, zeigte dies keinerlei Reaktion bei den Holländern. Das Spiel beendete man dann auch mit dem 1:1, was die Zuschauer im Stadion sichtlich zufriedenstellte und nachdem offensichtlich war, das es nichts mehr sehenswertes geben würde, machten auch wir uns auf zu unserem Leihwagen um den Rückweg nach Bratislava anzutreten.
Um halb zwei erreichten wir unser Ziel nach wiederrum spektakulärem Grenzübergang (diesmal sogar mit Durchsuchen des Kofferraums). Ein kurzer Stopp am Hauptbahnhof verriet uns, das dieser bereits geschloßen hatte und ich wohl keine Chance mehr auf einen eventuell fahrenden Nachtzug nach Praga oder sonstwohin hatte. Peter lud mich kurzum zu sich in seine derzeitige Bleibe ein, wo ich dann noch zwei Stunden pennte, bevor ich mich von ihm und seiner ebenfalls dort wohnenden Freundin verabschiedete und mit dem ersten Bus zum bahnhof fuhr. dort angekommen musste ich feststellen, dass ich meine erste Zugmöglichkeit nach Praha verpasst hatte und so löste ich ein Ticket bis nach Breclav um mit dem nächsten Zug zu fahren. Das klappte dann auch ganz gut und in Breclav konnte ich beim tschechischen Zugführer auch ohne Probleme eine saubillige Fahrkarte mit Karta Z kaufen. Die restlichen fünf Stunden verbrachte ich dann bei ein paar Pivos im Boardrestaurant. In Prag angekommen stellte sich schnell herraus, dass eine weiterfahrt nach Schwandorf oder Regensburg nicht wirklich möglich war und so kaufte ich mir eine Karte für den Bummelzug nach Cheb für den ich etwas über einen Euro weniger zahlen musste als für den EC dorthin. Meine Knausrigkeit bedankte sich dann in einer fünfeinhalb Stündigen Zickzackfahrt mit Halt an jeder Milchkanne bis ich endlich Cheb erreichte. Mittlerweile doch leicht gerädert wurde mir schnell klar, dass ich zur jetzigen Uhrzeit keine Fahrkarten mehr am Schalter erstehen konnte und so hoffte ich auf einen auch mit Scheinen funktionierenden Fahrkartenautomaten in der Vogtlandbahn nach Marktredwitz. Dem wahr aber - wer hätte jetzt auch was anderes gedacht - nicht so, was letzten Endes nur von Vorteil für mich war. Durch das Rumfragen nach Wechselgeld bei den Passanten im Zug fand sich eine Familie aus Stuttgart die mich auf ihrem freien Platz auf dem Bayernticket bis nach Nürnberg mitnehmen würden - für einen kleinen Umkostenpreis von zwei Euro, versteht sich (so sind sie eben, die Schwaben...). In Marktredwitz bestieg ich also den letzten Zug dieser Tour um mich in Nürnberg von der mir mittlerweile sehr suspekt erscheinenden Schwabenfamilie zu verabschieden und mit der guten alten Nürnberger Straßenbahn nach Hause zu fahren. Eine Fahrt mit vielen Zufällen und Abenteuern ging zu E nde und als der Samstag den Freitag ablöste, war ich wieder in meinen eigenen vier Wänden. Just in time! - Schließlich wartete ein paar Stunden später die Arbeit schon wieder auf mich.